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Mal so richtig an den Falschen geraten!


Nachricht von: Forum Freising
Freising, 08.09.2011 12:00


Jörg Kahle erhielt für seine Courage die Medaille für besondere Verdienste um die Innere Sicherheit von Joachim Herrmann.
Wenn sich am kommenden Montag zum zweiten Mal der Todestag von Dominik Brunner jährt, der am Bahnhof Solln ums Leben kam, wird auch der Freisinger Jörg Kahle wieder nachdenklich werden: „Als ich das gehört habe, war ich schockiert über die Brutalität, mit der Jugendliche vorgehen.“ Brunner hat Schwächeren geholfen, hin statt weg geschaut. Jörg Kahle auch - und dafür wird er ausgezeichnet.
Ob ihm die Medaille für besondere Dienste im die Innere Sicherheit etwas ganz Besonderes bedeutet? Jörg Kahle wiegt lange den Kopf. Eigentlich nicht, denn einzugreifen, wenn offensichtlich Hilfe benötigt wird, ist doch eigentlich etwas Selbstverständliches. Aber irgendwie auch wieder doch nicht - und dieser Zwiespalt hinterlässt den Freisinger unschlüssig.
Der 34-Jährige wurde am gestrigen Freitag von Innenminister Joachim Herrmann mit der Medaille ausgezeichnet.
Es war Dezember 2009, und so ganz en détail erinnert sich der Webhoaster gar nicht mehr. Dass sich ihm - im Auto in der Steineckerstraße sitzend - eine offensichtlich skurrile Situation bot, wie sie aus Krimis oder in diesem Fall sogar aus einem Slapstickfilm sein hätte können. Ein Mann rannta auf dem Gehsteig in seine Richtung, und dahinter prustete ein Polizist nach. „Schau mal da“, hatte Kahle zu seiner Lebensgefährtin gesagt - und die Hilfe suchenden Blicke des Beamten wahrgenommen. Also stieg er aus, stellte sich dem Flüchtigen in den Weg. „Ich habe ihn in ein kurzes Gespräch verwickelt und nicht vorbei gelassen“, erinnert sich der frisch gebackene Medaillenträger. Bis der Ordnungshüter da war und den vermeintlichen Gauner zu Boden rang. Dies wollte sich der aber nicht so klaglos gefallen lassen und versuchte immer wieder, sich hoch zu rappeln. Bis Kahle zugriff, denn bei ihm war der flüchtende Rumäne an den falschen geraten: „Ich praktiziere seit über 20 Jahren Karate, bin Trainer hier beim Karate Do-Jo. Ich wusste schon, wie ich ihn zu fixieren hatte.“ Der Polizist klärte ihn schnaufend auf: Ein Geldwechselbetrüger sei das, der eben quasi auf frischer Tat ertappt worden war. Der Beamte war im Stress: Der Delinquent unter ihm, sein Streifenwagen unversperrt auf der Straße, und dann musste er sich ja noch um das mutmaßliche Opfer kümmern, ohne das wiederum keine Straftat existiert.
Und keine Hand frei, um die Kollegen zu holen.
Auch Kahles Lebensgefährtin erhielt gestern die Medaille, denn sie kam hier ins Spiel, setzte den idealen Notruf an die nahe gelegene Polizeistation ab: Nach nicht mal zehn Sekunden war der Streifenwagen schon unterwegs, um dem Kollegen zu Hilfe zu eilen.
„Das Ganze mag vielleicht vier Minuten gedauert haben“, schätzt Kahle heute, der Hals über Kopf in die Situation geraten war. Ohne nachdenken zu können, ob da nicht vielleicht echte gefahr im Verzug ist: „Wenn der ein Messer hat? Beim Karate bereiten wir unsere Schüler zwar durchaus auf so was vor, doch mit gezielten Schlägen gegen gezielte Angriffsversuche. Hier auf der Straße hätte der doch eher wild rumgefuchtelt. Das wäre sicher was ganz Anderes gewesen“, so Kahle. Dennoch: Auf irgend eine Weise hätte er eingegriffen. Auch dann. Und in jedem Fall, denn: „Zivilcourage ist ein schwieriges Thema. Man darf nicht weg sehen, aber natürlich sich auch nicht selbst in Gefahr bringen.“ Einen Notruf absetzen dagegen - das ist immer möglich. So wie es seine Freundin ideal getan hat. Ober aber Aufmerksamkeit erregen und Passanten konkret zum Helfen ermuntern: „Hey Sie im grauen Shirt, rufen Sie mal die Polizei. Und fassen Sie mit an, helfen Sie mir“. Das sei, so Kahle, das Vernünftigste. Gerade in einer umstehenden Menge. Wenn einer direkt angesprochen wird, muss er. Weil er dann aus seiner Lethargie aufwacht, weil die Menge ihn angafft. Und nicht zuletzt, weil er sonst wegen unterlassener Hilfeleistung selbst dran ist.
Jörg Kahle braucht keiner anzusprechen. Er greift selbst ein. Und spricht dann höchstens selbst einen Umstehenden an. Der Beweis: Die Medaille!

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